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02. September 2019

Einsatz für die Freiheit – Prof. Görlach berichtet von seinen Erfahrungen als Fluchthelfer aus der DDR

ein Bericht von Moritz Konowalczyk; 9c

Am Donnerstag, den 18.07.2019, war Professor Manfred Görlach bei uns am Friedrich-Ebert Gymnasium in Sandhausen und hielt vor der gesamten Stufe 9 einen sehr interessanten Vortrag über seine Lebensgeschichte als Fluchthelfer aus der DDR.

Görlach studierte damals Anglistik an der Freien Universität in Berlin. Zum Zeitpunkt des Mauerbaus lebte er in Westberlin. Er kannte aber noch einige seiner Ostberliner Mitstudenten, wollte sich nach deren Befinden erkunden und fuhr in den Ostteil der Stadt.

Dort traf er Karin, eine ehemalige Mitstudentin, und fragte sie, ob er ihr einen Gefallen tun könne. Sie antwortete spontan: „Holt mich hier raus!“ In diesem Moment entschied er sich, es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren zu können, wenn er jetzt „nein“ sagen würde, und so versprach er, ihr zu helfen. Da Karin Verwandte in Westberlin hatte, wurde er als Kurier gebraucht und fuhr mehrere Male nach Ostberlin, um Karin und ihrer Großmutter die Flucht in den Westen zu ermöglichen.

Später traf er Brigitte, welche ebenfalls eine frühere Mitstudentin war. Auch sie hatte den Wunsch, in den Westen zu fliehen. Herr Görlich konnte einen schwedischen Pass besorgen, dessen Passbild Brigitte ähnelte. Sie wurde ausgestattet mit einer Rückfahrkarte nach Stockholm, neuerer Kleidung, schwedischem Geld und zwei Sätzen Schwedisch. Scheinbar zufällig „eingerahmt“ von einer Gruppe aus Görlach, seiner Schwester und zwei Freunden konnte die als Schwedin getarnte Brigitte die DDR verlassen.

Nachdem er so den zwei Studentinnen erfolgreich zur Flucht verholfen hatte, hatte Görlach das Gefühl, dass noch viele weitere in dieser Situation sind und man ihnen helfen sollte.

Bei der dritten Fluchthilfe sollte einer Studentin aus Potsdam geholfen werden.

Da Görlach und sein Fluchthelfer aber nicht nach Potsdam fahren durften, wurde eine Frau gebeten dort hinzufahren, um das weitere Vorgehen zu planen. Diese entschied sich allerdings eigenmächtig aufgrund des kurzen Zeitraumes nicht persönlich hinzufahren, sondern einen Brief zu schreiben. In diesem Brief wurde ein Treffen vereinbart. Der Brief ging allerdings versehentlich nicht an die Fluchtwillige, sondern an eine Frau, die überzeugte Kommunistin war und die Stasi informierte. Beim dem folgenden persönlichen Treffen bat die vermeintliche Studentin Görlach in eine – wie sich später herausstellte – konspirative Wohnung. Görlach ging in die Fall: Das dortige Gespräch wurde von der Stasi mitgehört und er wurde noch vor Ort verhaftet. Beim folgenden Prozess wurde ihm das Recht auf einen westdeutschen Anwalt und auf Kontakt mit seiner Familie verwehrt. Verurteilt wurde er zu vier Jahren Zuchthaus . Im Zuchthaus Brandenburg war er, zusammen mit Schwerverbrechern wie Mördern, in einer Vierzehn-Mann-Zelle untergebracht. Die Zustände dort waren entwürdigend und grausam. Zudem musste er Zwangsarbeit verrichten, bei der er sich an der Hand verletzte. Nur durch seinen Mut und seine Gewitztheit gelang es ihm, die fast drei Jahre im Gefängnis ohne Traumata zu überstehen. Im August 1964 wurde er von der Bundesrepublik freigekauft.

Heute gibt der emeritierte Anglistikprofessor seine Erlebnisse und Erfahrungen in weltweiten Vorträgen wieder und ermutigt seine Zuhörer zu Protest und Widerstand gegen Ungerechtigkeit, die es auf der ganzen Welt gibt - auch in der Schule.