Schülersozialprojekt 2011  

Eindrücke aus Äthiopien

 

Schülersozialprojekt des FEG Sandhausen in Addis Abeba 2011 - Treffen mit den Ärmsten der Armen - Ein Reiseeindruck

Einen Austausch kann man dieses Projekt nicht nennen, das nun schon im sechsten Jahr von unserer Schule, dem Friedrich-Ebert-Gymnasium in Sandhausen, mit der German Church School in Addis Abeba durchgeführt wird. Denn die äthiopischen Schüler haben wohl kaum je eine Chance, nach Deutschland zu kommen, aus Bedenken von behördlicher Seite, sie könnten (mit einem Touristenvisum versehen) alle bei uns in Deutschland bleiben wollen.

Wir, 14 Schüler der Oberstufe, machten uns zusammen mit unseren beiden Begleitlehrern auf, zwischen dem 25.02. und dem 14.03.2011 unser Sozialprojekt in Addis durchzuführen.

Unser erster Eindruck, als wir durch die Millionenstadt Addis Abeba fuhren: apathische Bettler, auf kaputten Verkehrsinseln im Schutt liegend, und begeisterte Kinder mit großen strahlenden Augen voller Lebensfreude.

 

Welch ein Kontrast, der uns nicht nur bei den Menschen, sondern auch im Land selbst begegnete: Grüne Höhen bei ca. 3500 m, die wir bei unserem Ausflug an den Wonchi-Krater bei Ambo durchwanderten, und öde Landstriche im Tiefland des Awash-Nationalparks, die trotz des Awash-Rivers und seiner Wasserfälle ausgetrocknet waren. Immerhin konnten wir in freier Wildbahn lebende Kuh-Antilopen, Gazellen, verschiedene Affen (meistens Paviane) und Vögel (riesige straußenähnliche und kleine papageienähnliche in leuchtend gelber Farbe und an anderer Stelle – ganz modern – lila glitzernd) beobachten, die man ja sonst nur aus Zoos oder ausgestopft kennt. Außerdem tummelten sich wild lebende Krokodile vor unserer Nase, die sich an einem toten Warzenschwein zu schaffen machten.

 Aber auch die Stadt Addis zeigte uns verschiedene Facetten: Entstehende Hochhäuser (statt Gerüsten aus festem, verlässlichem Stahl wird dort Eukalyptusholz verwendet, elastisch und schwingend - und für unsere Augen nicht gerade stabil: das mag aber täuschen) und daneben die Wellblechhütten oder winzige Ein-Zimmer-Lehmhäuser, die beide in der Innenstadt vom Verschwinden bedroht sind, da der Grund und Boden dem Staat gehört und natürlich lukrativer vergeben werden kann (an große Hotelketten oder Firmen) als an Bedürftige. So haben uns einige unserer Partnerschüler gesagt, dass sie demnächst ihr Heim verlassen müssten, dafür dann vom Staat eine Wohnung in Sozialbauten (pro forma) angeboten bekämen, obwohl sie sie unmöglich bezahlen könnten, sodass sie nicht wüssten, wo sie letztlich abbleiben würden. 

 

Um einen Eindruck zu gewinnen: Ein Mädchen hatte noch vor unserem Treffen mit seiner Mutter in einem abgetrennten Teil einer öffentlichen Toilette gewohnt – der Gestank soll entsprechend gewesen sein. Durch Initiative des deutschen Pfarrerehepaares der Kreuzkirche Addis Abeba der evangelischen Gemeinde deutscher Sprache in Äthiopien, das uns übrigens die ganze Zeit über betreute und für die Organisation unserer Aktivitäten verantwortlich war, wurde Abhilfe geschaffen durch einen monatlichen Mietzuschuss für eine andere ‚Wohnung’. Ausgerechnet dieses Mädchen, das in solchen Verhältnissen aufwuchs, war eines von den besonders interessierten und aufgeschlossenen. Es hat sich vom ersten Augenblick an deutsche Sätze aufschreiben lassen, sich in komplizierter Lautschrift die Aussprache gemerkt und uns gleich ab dem nächsten Treffen mit deutschen Sätzen und Anreden überrascht - das Ganze mit einer solchen Freude, dass wir bis zur Abfahrt ein ganzes Heft mit Vokabeln und häufig gebrauchten Sätzen vollgeschrieben haben. In einem ähnlichen Zusammenhang kam es beinahe zum Streit über den wichtigsten deutschen Satz. Wir einigten uns auf: „Wann fährt der Bus?“

In den gelegentlich abgehaltenen Feed-Backs kam zum Ausdruck, dass die ‚home visits’ zu den interessantesten Erfahrungen gehörten, da sich hier das reale Leben gezeigt hatte. Viele Partnerschüler bewohnten mit ihrer Familie gerade mal einen Raum mit einer von einem Vorhang abgetrennten Kochecke, was schon zu einem enormen Stolz führte; nur wenige hatten bis zu drei (kleine) Räume zur Verfügung, allerdings dann für eine größere Familie. Manche hatten sich extra für den Besuch der Deutschen vom Nachbarn einen Fernseher oder eine Stereoanlage ausgeliehen, um ihr Heim zu schmücken. Das Tollste war für uns jedoch, wenn die Nachbarn dann hinzukamen, um den fremden Besuch zu begrüßen, mit ihm zu tanzen (hier sei eine Oma von ca. 80 Jahren mit dicken Brillengläsern erwähnt, die bei äthiopischer Musik heftig mit den Schultern zuckte, was zum Stil des äthiopischen Volkstanzes dazugehört) und die traditionelle Kaffeezeremonie zu genießen, bei der die Bohnen über Holzkohlefeuer frisch geröstet und dann gestampft werden. Sogar eingefleischte Nicht-Kaffeetrinker mussten zugeben, dass dieser Kaffee ein außerordentlich gutes Aroma besaß und absolut bekömmlich war. Auch Injera, das Fladenbrot aus vergorenem grauen Teffmehl-Brei, wurde frisch für uns gebacken, weshalb es dann auch besser schmeckte als im Restaurant, z.B. am ersten Abend beim Willkommensmahl, als wir traditionell zu Abend aßen, d.h. mit der rechten Hand – und ohne Besteck. Schon hier gerieten wir ins Staunen, als manch einer von uns von seinem äthiopischen Partner gefüttert wurde, was – für uns ungewöhnlich – dort zur freundlichen Wertschätzung des Gastes gehört.

 

Dieses bereits seit dem ersten Willkommensabend im Taitu-Hotel, dem ältesten Hotel der Stadt, in dem schon Kaiser Haile Selassie residierte, sehr entspannte Verhältnis zu unseren äthiopischen Partnern hat nicht nur dazu verholfen, dass wir gleich zu Beginn zusammen lachen und singen konnten, sondern uns - später - auch über für uns interessante Themen wie Lebensumstände, soziale Schicht, wirtschaftliche Entwicklung unterhalten konnten. Was jedoch fast ausgeschlossen schien, waren Themen über Religion: Unsere Partner gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche an. Teilweise haben sie ihre für unseren Geschmack sehr verfestigten Ansichten zu fanatisch vertreten. Allein die Frage über die Dauer des Fastens - bei uns erst ab Aschermittwoch - hat heiße Diskussionen heraufbeschworen. Ebenso waren zum Themenbereich Sexualität fast keine Aussprachen möglich.

 An diesen intensiven/konstruktiven Begegnungen knüpft unser eigentliches Sozialprogramm an: Denn wir waren ja nicht nur (oder eigentlich gar nicht!?) zum persönlichen ‚Vergnügen’ in Addis. 

 

Unser Sozialprojekt  war in drei Teile geteilt:

 

1. Das Kennenlernen von Entwicklungshilfeprojekten (meistens durch einen Vortrag von kompetenten deutschen Experten eingeleitet und ergänzt durch das Anschauen eines konkreten Projekts wie z.B. dem Bienenprojekt, das uns die Methode der ‚Wertschöpfungskette’ (value chain) klar vor Augen führte. Wie man das Endprodukt ‚Honig’ vermarktet, haben nicht nur wir verstanden, sondern auch die äthiopischen Frauen, die an dem Programm teilnehmen und dadurch ihre Familie, besonders aber die Kinder einem besseren Leben zuführen können. Etliche Kilogramm dieses gesunden Honigs haben wir wie schon in den vergangenen Jahren wieder zum Verkaufen mitgebracht.

 

Ein anderes Projekt, das wir kennen lernen durften, war der ‚Gender Club’ an einer Berufsschule, der sich gegen Gewalt in der Familie einsetzt und von ‚Brot für die Welt’ in die Wege geleitet worden ist. Ein weiteres Projekt war vom EED, dem Evangelischen Entwicklungsdienst Deutschlands, der sich in Addis Abeba mit Aids-Kranken beschäftigt und sich u.a. medizinisch um sie kümmert.

 

2. Die Begegnung mit den Partnerschülern, den Ärmsten der Armen, die eine Ausbildung durch die German Church School erhalten. Auf der Basis der Bedürftigkeit, aber auch der Motivation, wirklich etwas lernen und werden zu wollen, wurden sie ausgewählt. Jedes Jahr wird den Eltern von 40 bis 80 Kindern (je nach vorhandenen Räumen, in die eine Klasse von 40 - 50 Kindern passt) monatlich Geld bezahlt, damit sie ihre Kinder nicht zum Betteln schicken, sondern in die Schule. Dort erhalten diese nicht nur eine gute Ausbildung, sondern auch eine Schuluniform, Bücher und Hefte und täglich eine Mahlzeit (ein Weißbrot in der Größe von ca. vier Brötchen, eine Banane und Milch). Außerdem gibt es an der Schule Wasser (was keine Selbstverständlichkeit ist), sodass sich die Schüler ausgiebig Hände und Gesicht waschen können. Die Schule finanziert sich u.a. über die evangelische Kirche, ein groß angelegtes Netz von persönlichen Patenschaften für die Kinder sowie Spenden.

 

3. Das eigentliche Praktikum in sozialen Einrichtungen verschiedenster Natur (Waisenhäuser, Einrichtungen für Straßenkinder, Behinderte oder Aids-Kranke, Schulen usw.), indem wir dort unsere aktive Mitarbeit leisteten in Form von vorbereitetem Unterricht in Englisch über Deutschland, über Musik, aber auch einfach Stunden mit Malen (Buntstifte ließen die Augen leuchten, „die Gelb“ war der absolute Renner), mit Zahlen, mit Ballspielen oder mit Baby-Wickeln verbrachten.

 

Neben der Fürsorge, die behinderten Menschen in all dem umgebenden Elend entgegengebracht wird, war besonders ein Projekt von nachhaltigem Eindruck für uns: Das Blinden-Integrations-Programm der German Church School. Zeitweise haben bis zu vier Praktikanten dort den Unterricht gestalten dürfen. Unsere ‚Partner-Schule’ hat es sich zur Aufgabe gemacht, pro Klasse ein bis zwei blinde Kinder in das  Lernprogramm zu integrieren. Und zu sehen, wie diese Kinder von ihren Kameraden wie selbstverständlich aufgenommen und unterstützt wurden, hat mehr als einen nachdenklich gemacht. Das Größte war jedoch, als ein blindes Kind aufstand und mit einer so lieblichen Stimme ein Lied sang, sodass es unsere Praktikanten zu Tränen rührte.

 

Was bleibt zu sagen: Die Erfahrungen, die wir haben empfinden/machen dürfen, werden mit Sicherheit ein wichtiger Punkt in unserer Persönlichkeitsentwicklung einnehmen. Deshalb möchten wir es jedem Schüler, der die Möglichkeit dazu hat (nicht nur finanziell: denn manch einer hat ein Jahr lang gejobbt, um sich den Aufenthalt zu finanzieren, sondern auch schulisch: soziales Engagement und schulische Leistungen werden erwartet), nahe legen, das Land Äthiopien einmal kennen zu lernen, und zwar möglichst nicht als Tourist, sondern als Partner der Ärmsten, sofern er wie wir das Glück hat, an unserem Sozialprojekt teilnehmen zu dürfen.


Schülersozialprojekt Äthiopien 2011

Projektinformation Januar / Februar 2011

Reiseziel:

Addis Abeba, Hauptstadt Äthiopiens, Sitz der Afrikanischen Union, ca. 3 bis 5 Millionen Einwohner, in einer Höhe von 2000 bis 2400 m im äthiopischen Hochland gelegen.

Zeitraum:
Freitag, 25. Februar bis Montag, 14. März 2010 (eine Schulwoche + Fastnachtsferien)
Teilnehmer:

Es haben sich 14 Schüler und Schülerinnen aus Jahrgangsstufe 1 (Abitur 2012) angemeldet, 7 Mädchen und 7 Jungen. Sie werden von Frau Patzkewitsch und Herrn Wild begleitet.

Partner: Unsere Partnerorganisationen in Äthiopien sind die Deutsche Kreuzkirchengemeinde (www.kk-addis.de) in Addis Abeba und die GermanChurchSchool (GCS) sowie verschiedene Hilfseinrichtungen in Addis Abeba.
Projekt:

Die Teilnehmer erhalten gleichaltrige Partnerstudenten, ehemalige Schüler der GCS. Mit ihnen gemeinsam können sie durch Workshops, „Home-Visits“, Vortragsveranstaltungen mit anschließenden Diskussionen und gemeinsame Ausflüge einen tiefen Einblick in das Alltagsleben eines Entwicklungslandes gewinnen.

Die Hälfte der Zeit verbringen die Schülerinnen und Schüler mit einem Sozialpraktikum, bei dem jeweils zwei Teilnehmer in einer Hilfseinrichtung in Addis Abeba mitarbeiten. Das Praktikum wird intensiv besprochen, begleitet und evaluiert.

Zusätzlich sind gemeinsame Besuche in unterschiedlichen Hilfsprojekten vorgesehen. Dabei geht es um die Fragestellung, welche Hilfe nötig ist und welche Formen der Entwicklungshilfe sinnvoll sind.

Projektsprache:Englisch! In der GCS, im Sozialpraktikum sowie bei der Begegnung mit äthiopischen Partnern sprechen wir englisch, die Vor- und Nachbereitung und einzelne Vorträge finden in deutscher Sprache statt.
Rahmenprogramm:

Die Teilnehmer sollen die Stadt Addis Abeba und die unmittelbare Umgebung kennenlernen. Dazu kommen in der Regel ein touristischer Wochenendausflug mit den Partnerstudenten und ein Ausflug zur Landeserkundung ohne die Partner.

Im Vorfeld sollen die Teilnehmer bereits in Deutschland unterschiedliche Hilfsorganisationen durch Recherchen und Interviews kennenlernen.

Flug: Direktflug mit Lufthansa (LH 598 / LH 599) von Frankfurt nach Addis Abeba.
Kosten:

Die Teilnehmer haben bisher immer ca. 1000.- bis 1200.- Euro benötigt. Genauere Angaben sind leider wegen der hohen Inflation in Äthiopien schlecht möglich.

Kalkulation für 17 Aufenthaltstage: 555.- € Flugkosten, 150.- € Übernachtung mit Frühstück, 190.- € Verpflegung, 200.- € tägliche Taxifahrten und Wochenendausflüge, 17.- € Visum. Dazu kommen private Ausgaben (Impfungen, Reisepass, Dinge des täglichen Bedarfs, Reiserücktritt-Versicherung, Souvenirs, Gastgeschenke).

Unterkunft: Sehr einfache Hostelübernachtung in Mehrbettzimmern mit WC und Dusche im Flur in „Martin´s Cozy Place“ (http://www.bds-ethiopia.net/cozy-place/index.html). Die Ausstattung ist nicht komfortabel, aber es hat den Teilnehmern in den letzten Jahren dort sehr gut gefallen, da es sehr gemütlich war. Es gibt einen schönen, begrünten Innenhof und das Essen wird magenfreundlich zubereitet.
Besonderheiten:Äthiopien ist kein gängiges Reiseziel, sondern ein Land der 3. Welt, in dem es zu unerwarteten Situationen kommen kann. Flexibilität und das Einlassen auf eine ganz andere Lebenswirklichkeit sind erforderlich. Die Teilnehmer werden in mehreren Vorbereitungstreffen damit bekannt gemacht und darauf eingestellt.
Vorbereitung:Vor Abflug treffen sich die Teilnehmer regelmäßig mehrmals monatlich. Das Schülersozialprojekt wird gemeinsam inhaltlich und organisatorisch vorbereitet. Für die Eltern gab es einen zweiten Info-Abend im Februar, drei Wochen vor Projektstart. Es wird erwartet, dass sich die Teilnehmer inhaltlich mit der Thematik der Entwicklungshilfe und der Nord-Süd-Partnerschaft beschäftigen und sich bereit erklären, das Projekt auch in der Schulöffentlichkeit zu präsentieren (u.a. beim Winterbasar / Äthiopienabend nach Rückkehr).
Gesundheit: Die Teilnehmer werden auf spezielle Vorsichtsmaßnahmen aufmerksam gemacht. Insbesondere sind die Grundimpfungen, die man auch in Europa benötigt, für Äthiopien dringend erforderlich (u.a. Tetanus, Diphtherie, Polio, Hepatitis). Auf Anraten eines Arztes kann man sich gegen Typhus, Meningokokkeninfektion, Gelbfieber und Tollwut impfen lassen. Malariaprophylaxe ist für Addis Abeba nicht erforderlich, ggf. jedoch für einen Ausflug ins Tiefland. Außerdem ist besonders auf Hygiene zu achten, Magen- Darmerkrankungen kommen häufiger vor.
Anmeldung: Der Anmeldeschluss ist vorbei und die Teilnehmer haben sich bereits zu zahlreichen Vorbereitungssitzungen getroffen. Das nächste Äthiopiensozialprojekt findet 2012 in den Pfingstferien für Jahrgangsstufe 1 und 2 statt.

Inhaltliche Konzeption des Projekts: V. Körkel, B. Reske und M. Wild

Begleitpersonen vom FEG im Jahr 2011: Ingrid Patzkewitsch und Markus Wild