Frühlings Erwachen 2012  

Frühlings Erwachen

Leises Kichern, freches Pfeifen, immer wieder frenetischer Beifall. Frank Wedekind hätte bei der Inszenierung seiner Kindertragödie „Frühlings Erwachen“ durch die Theater-AG am Friedrich-Ebert-Gymnasium Sandhausen unter der Regie und Leitung von Ursula Bergerfurth und Gabriele Schmid-Dresel bestimmt seine Freude gehabt. Wedekind wünschte sich, dass sein Drama „um so ergreifender wirkt, je harmloser, je sonniger, je lachender es gespielt wird.“ Es wirkte so.

Eine große Bandbreite von Emotionen wird da vom Autor selbst „ins Spiel“ gebracht und von den fabelhaften Akteuren des jungen Schauspielensembles am FEG auf die Bretter gestellt. Herzlichen Glückwunsch! – Keine trockene Schulmeisterei, keine anwidernde Pornographie, sondern der gelungene Spagat, der das uralte Thema Sexualität und Erwachsenwerden subtil und dennoch herzerfrischend zeigt – Lacher und Gluckser und Stille und Grauen garantiert.

Was haben es Jugendliche heute doch gut! Aufgeklärt seit früher Kindheit bis über die Ohren, Teilnahme am Schwangerschaftskurs der Mama, wenn sich der kleine Bruder ankündigt, Klapperstorch ade. Nichts dagegen die Tabuisierung von erwachender Sexualität im prüden Deutschland der Kaiserzeit, das innerlich erstarren ließ und äußerlich versteift wirkte. Das Hineinwachsen ins Erwachsensein war zumindest in dieser Hinsicht herausfordernder!

Genau das erfahren auch Melchior, Wendla und Moritz und die anderen, mit denen sie zusammen in die Schule gehen und in der Freizeit so ihre Spielchen treiben, ihreErfahrungen machen und sich an den Konventionen reiben und auch daran zerbrechen. Erwachen ist nicht immer unbeschwert.

Ganz unschuldig fängt es an…“Verliebt, verlobt, verheiratet, geschieden. Wie viele Kinder wirst du kriegen?“ Spielende Mädchen, reines Weiß, Seilspringen. Sehen, Fühlen, Hören, Tasten – Fragen an die Erwachsenen, aber keine Antworten. Diese kommen von Melchior, der, liberal erzogen, mehr weiß als die anderen, der über

Beischlaf schreibt und dafür natürlich von der Schule relegiert wird. Andreas Stadtherr spielt seine Rolle gut, reflektiert, beherrscht, dann wieder leicht arrogant und auch besonders leidenschaftlich und offen. Er macht buchstäblich große Sprünge. Chiara Schmidt-Thomée gibt eine authentische Wendla, der man gerne abnimmt, dass sie noch das Prinzeßkleidchen tragen möchte anstelle der büßerhaft langen Nachschlumpe - nur nicht zuviel Bein zeigen. Hätte ihr die  Mutter (Annika Gehrlein) doch mal die Liebe erklärt. Hätte sie ihr doch das voll Unschuldige, dasVeilchenhafte zumindest ein bisschen genommen. Nein. Nicht. Die Fassungslosigkeit steht der  Mutter im Gesicht. Der Hinweis „Der Herr beschütze dich“ reicht hier nicht. So ist es eben.

Achterbahn der Gefühle im Chaos, Schulekel, Schulversagen, mangelndes Selbstbewusstsein. Das zögernd-zaudernde Ringen mit sich und der Umwelt treibt Moritz (überzeugend hier Viktor Erdesz) in den Selbstmord. Hätte er sich doch von der Verführungskunst von Ilse leiten lassen. Meisterhaft agiert Carolin Weik in ihrer Doppelrolle als Verführerin, tanzend, hüpfend…und auch als vermummter Herr, der, als Melchior ebenfalls Selbstmord begehen will, dann zum Leben verführt anstatt das Sterben Melchiors zuzulassen. Nicht noch einer tot. Es reicht.

Die Tragödie der Kinder zeigt in ihren durchaus auch abenteuerlichen Möglichkeiten des Lebens eine Anklage an die Erwachsenenwelt, die versäumt, offen zu sein, weil sie meint, es nicht sein zu dürfen. Schule. Schrecklich unbarmherzig und ironisch überzeichnet in seinem Unverständnis für die Kinder Rektor Sonnenstich (nomen est omen) und seine skurrilen Kollegen. Eltern - stellvertretend hier Melchiors Eltern (großartig Diandra Roth und Dennis Schreier) - werden schuldig. Sie zerstören ihre Kinder, weil sie sich in ihrem Wahn des vermeintlich Sauberen an Scheinheiligkeitund Unmoral orientieren, wo sie doch gerade moralisch sein wollen. Ver-rückte Welt. Wie erziehst du deine Kinder!

Die Inszenierung der Theater-AG hat Spaß gemacht und die erteilte Lektion kam an. Allergrößte Verneigung vor allen, die zu diesem Theaterabend beigetragen haben.