Die Physiker 2013  

„Wir alle flüchten vor dem Schrecklichen und führen es damit herbei.“ „Die Physiker“ am Friedrich-Ebert-Gymnasium Sandhausen

Dürrenmatt mit Schülerinnen und Schülern auf die Bühne zu bringen – ein großes Theater, das am Friedrich-Ebert-Gymnasium mit der Premiere von „Die Physiker“ gelungen ist.

Die Mausefalle ist zu und drin sitzt - bildlich gesprochen - der Zuschauer, der sich gemäß der Dramentheorie von Friedrich Dürrenmatt mit der Frage der Vernichtung der Welt in der Konsequenz grandioser Forschung und unglaublicher Ergebnisse mit diesen auseinander setzen muss.

„Was einmal gedacht wurde, kann nicht zurückgenommen werden.“ Diese grausame Entdeckung muss Möbius, der größte aller Physiker in Dürrenmatts Drama „Die Physiker“, machen. Möbius (Andreas Stadtherr) findet jedoch bald heraus, dass es ihm niemals gelingen kann, die von ihm gefundene Weltformel, das ultimative System aller möglichen Erfindungen, dadurch zurückzunehmen, dass er sich, nach dem Verbrennen seiner Skripte mit gerade dieser einen Formel, in ein Irrenhaus zurückzieht, um sich dort, wo ihn keiner vermutet, in Sicherheit zu wähnen, um nicht von machtgierigen, eigennützigen Machthabern für deren ideologischen Kampf gegeneinander um die Weltherrschaft ausgenutzt zu werden. Welch ein Alptraum! Gerade auch das gelingt nicht, denn Möbius rechnet nicht mit dem Zufall, der ihm, im Chaos unserer Zeit, einen dicken Strich durch seine akkurate Rechnung macht. Die Geschichte um Möbius muss nach Dürrenmatt ihre schlimmst-mögliche Wendung nehmen, und dieses passiert konsequenterweise, als nicht nur Möbius, sondern auch zwei weitere den Irrsinn vorgebende Physiker – Beutler, genannt Newton (Viktor Erdesz), und Ernesti, genannt Einstein (Dennis Schreier), im Bestreben, für ihre jeweiligen Regime an Möbius´ Weltformel zu gelangen, hinter Anstaltsgittern erkennen müssen, dass die einzig wirklich Verrückte, ihre Irrenärztin Dr. Margarethe von Zahnd, die Formel längst an sich gerissen hat. Gesteuert vom alles überwältigenden, ungeheuren Zufall in der schicksalslosen, strukturlosen Welt nimmt das Grauen seinen Lauf - kein noch so grandioser Plan vermag dieses zu verhindern. Dies ist der Stoff, mit dem sich der Zuschauer auseinandersetzen soll.

 

Die Theater-AG am FEG unter Leitung von Ursula Bergerfurth und Gabriele Schmid-Dresel hat mit der Inszenierung von „Die Physiker“ eine anspruchsvolle Materie gewählt, in der nicht scheinbar komödienhaft-spannende Aktionen im Zentrum stehen, sondern die gemeinte Auseinandersetzung über die Verantwortung des Wissenschaftlers. Das Wort und das Gemeinte schaffen sich hier Raum. Die drei Physiker Ernesti, Newton und Möbius nehmen genau diese in ihren Rollen im gelingenden Gestus auf – Möbius kann die kalte Wirklichkeit nicht mit wollenen Jöppchen und hinter lockeren Hosenträgern verbergen - und lassen den Beifall im Hals des Zuschauers ersticken. Irrenärztin von Zahnd (Chiara Schmidt-Thomée), elegant und gegen Ende entlarvt in roter Bluse und roten high heels, redet sich mehr und mehr in ihren Wahn – überzeugend. Und, ja doch, Lina Rose (Jessica Schlüter), gehemmte Ex von Möbius, das schwarze Handtäschchen eng an die schmale Brust gedrückt, mit Kinderschar und neuem Missionarsmanne (Jan-David Nickel) zeigt famos den irgendwie vertrottelten Gang des Alltäglichen, in den nicht einmal mehr Inspektor Voss (Julia Fritzler) Klarheit bringen kann. So sehr Voss Glimmstängel fuchtelnd und offensichtlich Gedanken ordnend nach Klarheit sucht, muss er doch erkennen, dass er immer zu spät kommt. Der Mord ist schon geschehen, die Krankenschwester ist bereits tot, ermordet von einem Physiker, der nicht will, dass herauskommt, dass er nicht verrückt ist. Es macht Freude, der Inszenierung auch hier intensiv Aufmerksamkeit zu schenken und die Spielfreude zu erleben, mit der Krankenschwester Monika Stettler (Luise Schall) betulich fast ihren Möbius zu umgarnen versucht. Sie will ihn doch – er aber bringt sie um, weil anderes in seinem Plan von Welt nicht sein darf. Zu spät. Das planmäßige Vorgehen des Menschen wird durch den Zufall bei Dürrenmatt wirksam konterkariert: In einem großartigen Auftritt von Dr. Margarethe von Zahnd schließt diese die Anstaltstür hinter den drei Physikern für immer, um fortan skrupellos Gewinn aus der ergaunerten Weltformel zu schlagen.  Die schlimmst-mögliche Wendung ist eingetreten.

 

Die langjährige Theaterarbeit am FEG Sandhausen hat mit der diesjährigen Inszenierung erneut ihre Kraft und Überzeugung auf die Bühne gestellt. Auf und hinter der Bühne haben zu dieser Aufführung viele beigetragen – der tosende Beifall am Schluss, der kam, galt allen und war doch sehr verdient.