„Der Welt mit offenen Armen begegnen“:
Ein Erfahrungsbericht vom Schülersozialprojekt Äthiopien 2025
Vom 29. März bis 15. April 2025 fand die diesjährige Partnerschaftsbegegnung zwischen dem FEG Sandhausen und der GCS in Addis Abeba statt. Eine kleine Gruppe absolviert jedes Jahr das Sozialpraktikum, das zeitgleich von allen Elftklässlerinnen und Elfklässlern am FEG in verschiedenen sozialen Einrichtungen wie Kindergärten, Behindertenwerkstätten und Pflegeheimen absolviert wird, an unserer Partnerschule in Addis Abeba, Äthiopien. Das Begegnungsprogramm in Äthiopien enthält fünf feste Bausteine: (1) das Begegnungsprogramm zwischen deutschen und äthiopischen Jugendlichen, (2) das Sozialpraktikum in Kindergärten, -heimen oder an der GCS, (3) Kennenlernen der German Church School, (4) Treffen mit Vertretern verschiedener politischer Institutionen wie der Deutschen Botschaft oder der African Union und Besuche bei Organisationen für Entwicklungszusammenarbeit wie Brot für die Welt und CBM und (5) Ausflüge in die Umgebung der Hauptstadt zur Landeskunde (Bishoftu und Lake Ziway). In dem folgenden Bericht haben verschiedene Teilnehmende ihre Eindrücke zusammengetragen.
Außerdem finden Sie unter diesem Link hier eine Bildergalerie mit vielen eindrucksvollen Fotos von der Reise.
1. Das Begegnungsprogramm
In der Zeit, in der wir in Addis Abeba waren, durften wir mit so vielen Menschen Kontakt aufnehmen und neue Bekanntschaften bzw. auch Freundschaften schließen. Sehr erschreckend war für uns die deutlich erkennbare Armut in der Stadt, aber besonders auch auf dem Land. Die Menschen leben teilweise in selbstgebauten Holzhütten und der Großteil der Stadtbewohner wohnt auf engstem Raum unter Blechdächern. Das Leben der Äthiopierinnen und Äthiopier, die wir als sehr freundliche Menschen kennenlernen durften, war durch so viele Bedingungen eingeschränkt und trotzdem hat man die Lebensfreude jedes Einzelnen gespürt. Uns wurde klar, wie dankbar wir mit dem, was wir bei uns zuhause haben, sein können und wie unbedeutend manche unserer Probleme im Alltag eigentlich sind im Vergleich zu den wirklichen Problemen eines Menschen, der unter schlechteren Bedingungen leben muss.
Gemeinsam mit unseren äthiopischen Partnerinnen und Partnern haben wir unsere Zeit dort genutzt, um unsere Kulturen auszutauschen und viel über die Gegenseite zu erfahren. Dabei konnten wir auch einige Freundschaften schließen. Unter anderem haben wir unsere Partnerinnen und Partner alleine nach Hause begleitet und dort mit den Familien den Nachmittag verbracht. Es wurde gegessen, geredet und das Alltagsleben der Gleichaltrigen erlebt. Dieser Tag gilt für viele von uns Schülerinnen und Schülern als das Highlight der Reise. Die Lebensbedingungen meiner Partnerin in ihrem Zuhause haben uns gezeigt, wie glücklich ich mich in meiner eigenen Situation schätzen kann, aber auch, dass man mit viel weniger auskommen und dabei teilweise sogar erfüllter leben kann.
Meiner Meinung nach waren die Tage, an denen wir etwas mit den äthiopischen Partnern unternommen haben, immer die besten Tage. Aber nicht nur für mich, denn auch die Partnerinnen und Partner hatten durch unsere gemeinsamen Unternehmungen die Möglichkeit, aus ihrem alltäglichen Leben herauszukommen und neue, spannende Dinge zu erleben, die normalerweise für sie nicht möglich wären. Sie konnten Addis Abeba mal aus ganz anderen Winkeln kennenlernen und sich (so wie auch wir) beim Besuch in der African Union und im Gespräch mit einem echten Botschafter wichtig fühlen. Frederic Gateretse-Ngoga, Botschafter von Burundi, verabschiedete sich von uns mit dem abschließenden Auftrag, dass wir nie aufhören sollen, an uns und unsere Träume zu glauben. Wir seien eine sehr kreative Generation, die die Zukunft bestimmen werde. Egal, wie weit der Weg auch sein mag und egal, wie viele Hürden wir dabei überqueren müssen, wir werden es schaffen – Schritt für Schritt.
Eine der schönsten Erfahrungen mit den Austauschpartnern war die Fahrt nach Bishoftu, bei der wir der äthiopischen Gruppe viel nähergekommen sind. In Bishoftu haben wir sehr viel Zeit mit den Partnern verbracht und Dinge erlebt, die sowohl für uns als auch für die äthiopischen Partner eine schöne und neue Erfahrung waren. Durch meinen Austauschpartner habe ich sehr viel über äthiopische Kultur gelernt. Wenn wir unterwegs waren, hat er mir immer wieder genau erklärt, was ein Bild oder eine Statue für eine Bedeutung hat. Manche Äthiopierinnen und Äthiopier konnten bei diesem Wochenendausflug zum ersten Mal in ihrem Leben ihre Heimat Addis Abeba verlassen und haben uns alle mit der Begeisterung über dieses besondere Erlebnis angesteckt.
Ich habe festgestellt, dass wir in vielen Dingen ähnlich denken und fühlen, zum Beispiel in unseren Wünschen, Träumen aber auch das Bedürfnis nach Freundschaft und Austausch. Besonders schön fand ich, dass ich nicht nur mit meiner Austauschpartnerin, sondern auch mit vielen anderen Partnern ein sehr vertrautes Verhältnis aufgebaut habe. Es war beeindruckend zu beobachten, wie sich unsere Beziehung im Laufe des Aufenthalts veränderte. Anfangs war es sehr zögerlich, jedoch wurde es immer vertrauter. Besonders in der zweiten Woche spürten wir alle, dass sich unsere Partnerschaft zu einer echten Freundschaft entwickelte. Auch wenn es länger gebraucht hat, dass wir offener wurden, war das Wichtigste und Entscheidende des Austauschs die am Ende entstandene Freundschaft.
2. Das Sozialpraktikum
Ein weiterer Teil des Programms, der mir die Augen geöffnet hat, war die Praktikumsstelle, in meinem Fall Kechene Girls, einem Kinderheim für Mädchen mit Beeinträchtigungen oder schwierigen Lebensbedingungen. Die Mädchen in diesem Heim leben dort für eine lange Zeit ihres Lebens und lernen auf eigenen Beinen zu stehen. Sie haben im Vergleich viel weniger als jeder Einzelne aus unserer deutschen Gruppe, aber trotzdem hat man sich direkt willkommen und integriert gefühlt. Allein unsere Anwesenheit hat gereicht, um den Mädchen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern und dieses Gefühl kann uns niemand mehr nehmen.
Ähnliche Erfahrungen haben auch die anderen aus der Gruppe in ihren Praktikumsstellen gemacht, in denen sie beispielsweise Unterstützungsangebote für alleinerziehende Mütter durch Workshops oder Kinderbetreuung kennengelernt haben oder die Bereitstellung von Wohnraum und Bildungsmöglichkeiten für Kinder mit und ohne Behinderungen. Es war schön zu sehen, wie alle am Ende eines Praktikumstags mit vielen Eindrücken im Gepäck, teils erledigt, teils nachdenklich, aber immer auch mit einem Lächeln auf den Lippen zurückkehrten.
3. Die German Church School
Zudem war ein wichtiger Bestandteil der Reise, unsere Partnerschule, die GCS, endlich einmal persönlich besuchen zu können: Ich verbinde auf einmal ganz viele Erinnerungen und Bilder mit etwas, was in meinen sieben Jahren am FEG ein immer wieder auftauchender Name war. Ich war von Anfang an fasziniert von der Empathie, Geduld und Hilfsbereitschaft der Lehrkräfte an der Schule. Ebenso herzerwärmend war, dass die GCS einen so großen Wert auf Inklusion von behinderten Kindern legt. Ich bin begeistert, wie sehr die Aufnahme an der GCS den Kindern und den Familien nicht nur hinsichtlich des sozialen Status, sondern auch im Hinblick auf berufliche Möglichkeiten und finanzielle Sicherheit hilft.
4. Besuch bei politischen Institutionen und Hilfsorganisationen
Ein weiteres Highlight war der Besuch der Deutschen Botschaft in Addis Abeba. Wenn man das Gelände hinter den hohen Mauern betritt, ist es, als würde man in eine andere Welt eintauchen. Angelegte Gärten, freilaufende Tiere, einige Bürogebäude – und insgesamt viel weniger Trubel als in den umliegenden Straßen der Hauptstadt. Die Themen, über die die einzelnen Mitarbeitenden berichtet haben, waren informativ und boten interessante Einblicke in die Politik von Addis Abeba, Äthiopien und die Arbeit einer Deutschen Botschaft. Es war außerdem beeindruckend und nicht selbstverständlich, wie viel Zeit sich alle für unsere Gruppe genommen haben.
Wenn wir unsere Tage nicht mit unseren Partnerschülerinnen und Partnerschülern oder im Praktikum verbracht haben, besuchten wir auch einige Projekte von Hilfsorganisationen in Addis Abeba. So wurde uns ein Projekt zur Unterstützung von Frauen vorgestellt, bei dem ihnen Wissen vermittelt wird, wie man beispielsweise eine kleine Landwirtschaft betreibt. Damit können die Frauen ihre Ernte verkaufen, sich ihren Lebensunterhalt verdienen und sich somit ein besseres Leben aufbauen. Der Besuch einer Schule, in der sich Brot für die Welt dafür einsetzt, Mädchen und junge Frauen zu stärken, zeigte mir ein weiteres Mal, dass durch solche Projekte tatsächlich etwas bewirkt wird, denn die Mädchen, die uns von ihrem eigenen Broadcast erzählten, wirkten sehr selbstbewusst.
Ich würde sagen, dass Organisationen wie die CBM oder Brot für die Welt einen enorm wichtigen Teil zur Entwicklung des Landes beitragen, auch wenn dieser zunächst nicht so groß erscheinen mag. Die Menschen, denen durch solche Organisationen geholfen wird, erlangen durch die medizinische Betreuung und Unterstützung erheblich bessere Zukunftsaussichten. Die Familien fühlen sich nicht alleingelassen und werden entlastet, da die meisten Familien von Armut gezeichnet sind und ohne jegliche Hilfe womöglich noch ärmer dran wären. Allgemein würde ich sagen, dass sich die Besuche bei den NGOs gelohnt haben, um einen besseren Einblick in die harte Realität von äthiopischen Minderheiten zu bekommen. Ich finde es gut, dass reichere Länder wie Deutschland sich daran beteiligen, die Welt ein Stückchen gerechter zu machen, denn der Wohlstand in Deutschland ist schließlich sehr hoch und andere Länder – in diesem Fall Äthiopien – benötigen finanzielle Unterstützung nun mal mehr als wir selbst.
5. Ausflüge zur Landeserkundung
Was mir auch sehr in Erinnerung bleiben wird, ist die Landschaft Afrikas. Bei unserem zweiten großen Ausflug, diesmal zum Lake Ziway, konnte ich Afrika so sehen, wie ich mir es vorher vorgestellt hatte. Die typischen Akazienbäume, die ich aus meiner Kindheit von manchen Fernsehsendungen kannte, konnte ich dort im afrikanischen Grabenbruch sehen. Die Landschaft stellt das genaue Gegenteil der Hauptstadt dar. Der Lebensstandard der Menschen ist noch schlechter als der der Menschen in Addis. Sie leben auf dem Land sehr traditionell, das heißt die Häuser sind nur Holz oder Lehmhütten und von innen stockdunkel. Das Hauptfortbewegungsmittel sind Eselkutschen und man sieht so gut wie kein einziges Auto. Die Menschen haben kaum Chancen auf Bildung bzw. schulischen Zugang. Wir haben eine kleine Tour gemacht mit unserem Bus, bei der wir an einige sehenswürdige Orte gefahren sind, und dort haben uns Kinder nach Geld gefragt oder wollten uns für einen kleinen Geldbetrag Fisch verkaufen. Abschließend kann ich sagen, dass ich sehr froh bin auch diese Seite von Afrika gesehen zu haben, da es nochmal eine ganz andere Facette des Landes zeigt. Die dichten Menschenmengen, die wir aus Addis gewohnt waren, waren auf einmal nicht mehr da und man bekam auf den Busfahrten vielleicht alle 5 Minuten mal eine Familie oder eine Eselkutsche zu Gesicht.
6. Fazit
Abschließend kann ich sagen, dass es eine der wichtigsten Erkenntnisse für mich ist, dass wir in Deutschland mehr Miteinander brauchen. Mehr Gastfreundschaft, weniger Spaltung aufgrund von Besitz oder Politik. Ich hätte vor Beginn des Projektes nicht gedacht, dass wir etwas so Wichtiges auf dieser Reise lernen können, allerdings wurde ich eines Besseren belehrt.
Das Schülersozialprojekt hat mich in meiner Entwicklung definitiv weitergebracht. Dadurch, dass ich in den 16 Tagen offen sein und meine eigene Schüchternheit, die ich normalerweise habe, ablegen musste, bin ich jetzt nicht mehr ganz so zurückhaltend wie vorher. Die Erfahrungen, die ich nämlich durch das Offensein gemacht habe, haben mein Handeln und Denken positiv beeinflusst, da ich so akzeptiert und gemocht wurde, wie ich bin.
Durch die Begegnungen mit den Partnern habe ich gelernt, dass ich im Zusammensein mit Menschen meinen Frieden finde. Ich habe gelernt, dass manchmal auch Blicke reichen, selbst wenn die Sprachbarriere zu groß ist. Ich habe gelernt, dass das Leben manchmal auch Chaos bedeutet – nicht nur Struktur und Ordnung. Zudem habe ich gelernt, dass Mut der Schlüssel zum Glück ist. Es ist in Ordnung und menschlich, Angst zu haben, jedoch sollte uns das nicht davon abhalten, unser Leben zu leben.
7. Addendum: Deutscher Evangelischer Kirchentag 2025
Ein weiterer Teil des Sozialprojekts war in diesem Jahr die Vorstellung der German Church School auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Hannover Anfang Mai. Unter dem Motto „Mutig, stark, beherzt“ vertrat eine Schüler-Delegation des FEG Sandhausen unter der Leitung von Herrn Wild und eine Delegation aus Addis Abeba, bestehend aus Pastor Jürgen Klein, Ato Teklu und Ato Merdassa sowie zahlreichen Vertretern des Vereins Melkam Edil die Äthiopische Kirchengemeinde und die GCS auf dem Kirchentag. Der Kirchentag ist das größte Zusammentreffen der evangelischen Christen und ökumenischen Partnern in Deutschland. Auf dem Kirchentag trifft man wichtige Politiker, Künstler, Theologinnen und Theologen der evangelischen Kirche und, an einem Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“, Aussteller wie uns.
Eine Sache die uns, Laurenz Gutzeit, Julian Drescher und Moritz Vogel, am meisten überrascht hat, war, wie viele Leute auf uns zukamen und von ihren eigenen Erfahrungen berichteten. Es war unglaublich, wie viele Menschen schon in Äthiopien waren oder in irgendeiner Weise mit Äthiopien eine Verbindung haben. Außerdem hatten erstaunlich viele Besucher des Kirchentages Erinnerungen und Erfahrungen mit der German Church School in Addis Abeba. Die meisten davon berichteten von wundervollen Erlebnissen, unglaublich schönen Zusammentreffen mit den äthiopischen Schülerinnen und Schülern und einfach einer bereichernden Zeit, die nachhaltig ihr Leben geprägt hat. Auch wir kamen so in den Austausch über unsere eigenen Erfahrungen und konnten viele Gemeinsamkeiten entdecken.
Großartig war auch zu sehen, wie weltoffen Menschen doch sein können und sich nicht nur um ihre eigenen Belange kümmern, sondern darüber hinaus auch die Welt zu einem besseren Ort machen wollen. Diese Zusammengehörigkeit und Verbundenheit hat man sehr stark auf dem Kirchentag gespürt. Außerdem wurde uns wiederum aufgezeigt, dass man der Welt und jedem Menschen mit offenen Armen begegnen soll. Das gilt für alle Lebenslagen und alle Orte der Welt. Egal, ob auf dem Kirchentag in Hannover oder in Addis Abeba. Wenn man mit Leuten ins Gespräch kommt, erfährt man oftmals viele interessante Geschichten, die einem sogar im eigenen Leben weiterhelfen können. Zusätzlich war es für die Teilnehmer des Kirchentages wertvoll, über die eigenen Erfahrungen zu berichten und selbst neue Aspekte, die einem vielleicht gar nicht so eingefallen wären, durch andere Besucher neu aufgreifen zu können. Alles in allem lässt sich sagen, dass alle Beteiligten für die gemachten Erfahrungen unfassbar dankbar sind: Herzlichen Dank der GCS und der deutschsprachigen Auslandsgemeinde mit Pastor Jürgen Klein und allen anderen Pastoren a.D.